Reisen mit der Deutschen Bahn
- Julia Schmitt

- 28. März 2024
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Feb. 2025

Heute ist es wieder soweit. Ich stehe um 5 Uhr auf, mache mich fertig, steige ins Auto und fahre zum Bahnhof. Ich muss nach Hamburg. Eine weite Strecke liegt vor mir und so habe ich entschieden, mich fahren zu lassen – von der Deutschen Bahn.
Fahren in der deutschen Bahn ist schon besonders spannend. Es sieht ungefähr so ist: Die ersten Bahnen sind noch pünktlich, was allen Reisenden erstmal eine gewisse Ruhe und Sicherheit vermittelt, obwohl man morgens um 7 oder 8 Uhr nicht immer bester Laune ist, da der Schlaf meistens zu früh abgebrochen werden musste. Nun denn: hat man das Glück in der 1. Klasse reisen zu können, begegnet man folgendem Bild: weiße Männer mittleren Alters in Anzügen, oder zumindest mit einem Sakko und heutzutage einer als leger geltenden Jeanshose, aber dazu dann unfassbar teuren italienischen Lederschuhen. Jeder dieser Männer setzt sich auf seinen selbstverständlich reservierten Platz, um so dann seinen Laptop aufzuklappen und sein geschäftiges Treiben zu beginnen. Da werden Architekturpläne aufgeklappt und bearbeitet, Power Point Präsentationen für Finanzierungen geschrieben, Schriften Korrektur gelesen, neue Angebote erfasst oder Emails beantwortet. Zwischendurch telefoniert man noch, oder ordert einen Kaffee, um sich den vollen Luxus zu gönnen.
Ich bin begeistert, da die ICEs der Deutschen Bahnen mit etwas ganz Besonderem aufwarten: Fenstern! Aus diesen kann ich schauen, um die Umgebung, die Schönheit Deutschlands, die Schönheit unserer Erde wahrzunehmen, oder einfach meinen Gedanken in Ruhe nachzuhängen. Ich kann mich darüber freuen, dass ich gesund bin und meinem Sehsinn Ruhe gönnen, wenn man das Grün der Bäume & Büsche sieht, das Blau des Himmels, das Schwarz der Schienen, das Rot der Häuserdächer, das Gelb der Rapsfelder. Aber niemand, nicht einen von diesen Menschen beobachte ich dabei wie er hinausschaut. Ich habe das Gefühl, dass es als selbstverständlich und teilweise sogar als Last empfunden wird von einem Ort zu einem anderen zu gelangen mit etwas so Ödem wie einem sauberen, flotten Zug, der einen zügig & sicher an sein Ziel bringt. Wichtig ist das Ziel oder der Zielort, um dort sein Business zu betreiben, Entscheidungen zu treffen, Geld auszugeben oder zu verdienen. Aber was ist mit dem Weg zum Ziel? Der wird nicht offen und ganzheitlich wahrgenommen. Bin ich denn die Einzige die den Weg erfahren und erleben möchte? Die Einzige, die den Weg als lebenswert und wertvoll empfindet? Der Weg wird meistens ausgesessen, weggedrückt, oder ignoriert, in dem man andere Arbeiten vornimmt und sich erfolgreich ablenkt. Und was verpasst man dadurch? Das Leben: Begegnungen, tolle Wolkenformationen, Kreativität, das Zulächeln eines Menschen, eigene positive Gedanken, Hunderte von einzigartigen Momenten.
Ich sitze im Zug und rase mit 280km/h nach Hamburg und frage mich: „Der Weg der Gesellschaft ist so schnell geworden, wo ist die Wertschätzung? Wo ist der Augenkontakt oder überhaupt die Wahrnehmung unserer Mitmenschen, der Natur, der Umgebung, in der wir uns befinden?“ Ich schaue mich um und beginne an uns Menschen zu zweifeln. Wir Menschen sind doch natürlichen Ursprungs. Noch werden wir (meist) natürlich gezeugt und bestehen aus organischem Material. Wir nutzen unsere Augen aber lieber, um auf einen Bildschirm zu schauen als in die Natur selbst – aus der wir entsprungen sind. Wieso ist das so? Wann ist uns unsere Verbindung zu Natur abhandengekommen? Wann haben wir verlernt unsere Heimat wertzuschätzen? Und können wir den Weg wieder zurückfinden?
Nach zwei Stunden und 34 Minuten bin ich fast pünktlich in Hamburg angekommen. Ich steige aus dem Zug mit meinen 30€ teuren Sneakern, begebe mich zum Hauptausgang, rieche, sehe und höre die Obdachlosen und schicke ein Danke ans Universum, dass ich von solch einem Leben bisher verschont blieb. Ich nehme die Rolltreppe nach unten, um zur U-Bahn zu gelangen und nun selbst meiner Arbeit nachzugehen und unfassbar wichtige Entscheidungen zu treffen oder Kollegen zu treffen, um zu überlegen wie die Umsätze noch profitabler werden könnten. Business, Baby, Business!




