Von Weit her
- Julia Schmitt

- 12. Nov. 2025
- 4 Min. Lesezeit

„Heute ist Snakdak, heute ist Snakdak.“, trällerte Tru freudestrahlend direkt nach dem Aufstehen. Mama Sol und Papa Zur schwebten bereits am Frühstückstisch und genossen ihre morgendliche Kirschsuppe. Tru flog die Treppe herunter und konnte sich gerade noch rechtzeitig bremsen, bevor sie mit dem Suppentopf kollidiert wäre. Sie strahlte übers ganze Gesicht und schaute ihre Eltern erwartungsvoll an. „Mama, Papa, was ist heute?“ Sol lächelte ihre Tochter an. „Komm schon… sag es…“ „Heute ist Snakdak, meine liebe Tochter.“ „Juuuchuuuu“, applaudierte Tru. Es dauerte immer drei Sonnen bis wieder Snakdak gefeiert wurde, kam also nicht besonders oft vor und so war die Freude auf dem fremden Planeten riesengroß. Tru schlürfte ihre Kirschsuppe genüsslich vor sich hin. „Wann kommt Opa Bri heute?“, fragte Tru. „Zum Nachmittags-Süppchen, wie immer an Snakdak“, antwortete ihr Vater. Tru strahlte und flog nach der fertig verspeisten Kirschsuppe wieder in ihr Zimmer. Sol pfiff einen tiefen Ton und die Essensutensilien verschwanden auf der Stelle. Ihr zweiter, hellerer Pfiff sorgte für ein wenig Dekoration zum Snakdak: Blumen, Blubberblasen, Glitzer; alles schwebte ruhig im Lebensraum hin und her und sorgte für eine festliche Stimmung. Sol und Zur schwebten tanzend durch diese zauberhafte Atmosphäre und grinsten sich an. Denn natürlich freuten sie sich genauso sehr auf Snakdak wie ihre Tochter.
Opa Bri schwebte einige Zeit später herbei, begrüßte seinen Sohn Zur, seine Schwiegertochter Sol und seine süße Enkelin Tru. „Na, ihr drei. Geht’s euch gut? An diesem wundervollen Tag, an dem wir unsere Emotionen feiern?“ Alle drei hüpften auf und ab und strahlten aus ihren Gesichtern. „Aber bevor wir uns auf das süße Mandelsüppchen zur Feier des Tages stürzen, würde ich euch gerne noch eine Geschichte von dem entfernten Planeten erzählen, auf dem ich bereits einige Mal war.“ Bri pfiff schrill und vor ihm schwebte ein blaues Buch mit dem Wort „Tagebuch“. Die Familie wurde still, machte es sich bequem und schaute ihn erwartungsvoll an. „Jetzt geht’s los“, sagte Opa Bri und öffnete das Buch.
„Meiner Tante habe ich es heute gezeigt. Wenn nicht heute, wann dann?! Nachdem wir zusammen gefrühstückt hatten, bin ich wieder rauf ins Zimmer und habe alles vorbereitet. Erst schmierte ich Zahnpasta auf die Unterseite des Türgriffs des Badezimmers. Meine Tante wollte hineingehen, griff zu und schaute sich sogleich angewidert ihre Hand an. Ich grinste und schmunzelte und konnte ein lautes Auflachen gerade noch verhindern. Dann legte ich ihr ein Furzkissen unter die Decke auf ihrem Lieblingssessel und als sie gerade bequem Platz nahm, erfüllte das laute Furzgeräusch den ganzen Raum. Mein Bruder und ich krümmten uns vor Lachen. Meine Tante schaute missbilligend in unsere Richtung und gab uns eine Ermahnung, dass es jetzt mal langsam gut sei. Als Finale für den 1. April legten wir drei Kakerlaken in die Bettdecke von Tante Sabine und kurz nachdem sie sich zu einem Mittagsschläfchen hinlegte, hörten wir einen wahnsinnig lauten Aufschrei. Jochen und ich hielten uns die Bäuche und bekamen kaum noch Luft vor Lachen. Meine Tante stürmte in unser Zimmer, schrie uns an, ob wir nicht langsam zu alt sein für solche blöden Scherze am 1.April und noch alle Tassen im Oberstübchen hätten, haute die Tür hinter sich zu und dampfte ab. Jochen und ich guckten uns an und fielen erneut in lautes Gelächter. Diese Erwachsenen – keinen Sinn für Spaß.“
Sol, Zur und Tru schauten Opa Bri an und blieben stumm. Opa Bri hingegen lächelte die drei aufmunternd an: „Cool, oder?“
„Verstehe ich nicht“, sagte Zur, „warum hast du denn genau diese Geschichte für heute ausgewählt? Wir wollen doch all unsere Emotionen feiern heute und das klang irgendwie … fies. Dieser Tante gegenüber.“ Sol und Tru nickten.
„Ach Leute“, begann Opa Bri, „versteht ihr denn nicht, auf diesem fremden Planeten, er nennt sich übrigens Erde, ist heute, genau heute, auch ein besonderer Tag. Sie nennen ihn nicht Snakdak, sondern 1. April und foppen sich gegenseitig, spielen sich Streiche, machen sich ein bisschen über andere lustig und scherzen viel herum. Ich glaube, am 1. April wird richtig viel gelacht auf der Erde.“
Sol, Zur und Tru schauten Opa Bri noch immer etwas unglaubwürdig an. „Diese Wesen brauchen einen extra Tag, um viel zu lachen?“, fragte Sol. „Klingt irgendwie merkwürdig. Gibt es da sonst nicht viel zu lachen?“ „Ich glaube vor allen Dingen dürfen hier die kleineren bzw. die jüngeren Wesen den Älteren, dort sogenannten Erwachsenen, mal Streiche spielen und sich ein bisschen über sie lustig machen. Normalerweise gibt es eine recht strikte Hierarchie auf der Erde. Die Erwachsenen sagen, wo es lang geht und die jüngeren Wesen, man nennt sie Kinder, müssen mitziehen und haben nicht viel Mitspracherecht bei Entscheidungen oder Beschlüssen.“
„Haaaah“, gab Zur gedankenvoll von sich und schaute seine Familienmitglieder an. „Klingt irgendwie langweilig und starr. Ich meine auch jüngere Wesen, können doch tolle Ideen haben und voll kreativ sein. Ohne Trus Einfall mal über den Fluss zu schweben, hätten wir z.B. nie diesen tollen Lebensraum gefunden. Sol und ich waren einfach schon zu lange in einer sehr bequemen Komfortzone und Tru hat uns mit ihrem frischen, neugierigen Blick unseren Lebensraum wieder ganz anders nahegebracht. Dadurch haben auch wir unsere Umgebung wieder ganz anders und quasi neu wahrgenommen.“
„Genau“, bestätigte Opa Bri, „ganz genau, mein Sohn. Und so lasst uns heute den Göttern danken, dass wir nicht so eingefahren und scheu vor Veränderungen sind wie diese merkwürdigen Erdenbewohner; sondern jedes Wesen auf unserem Planten das gleiche Recht auf Entscheidungen und Mitteilungsbedürfnis hat – egal welchen Ranges und/oder Alters.“
„Juuuchuuuu“, schrie Tru, wirbelte herum, stieß dabei den Topf mit der Mandelsuppe um, so dass dieser wie ein kleines Meer den ganzen Boden bedeckte. Sol schaute Zur an, schaute Tru an, schaute Opa Bri an und alle brachen in schallendes Gelächter aus.




